Erinnerungsfotografie:
Lieux
de Mémoire
Werkserie zu Erinnerungsorten der Schweiz
2016 —
«In die Vergangenheit kann niemand mehr zurückkehren, an Orte schon»: So charakterisiert die Gedächtnisforscherin Aleida Assmann das Langzeitprojekt von Florian Bachmann. Seit Jahren besucht und fotografiert er ungewöhnliche Erinnerungsorte in der Schweiz. Seine Schwarzweiss-Fotografien sind so beiläufig wie präzise: unauffällige Vergegenwärtigungen einer mal überwachsenen, mal weg gewischten oder überbauten Ereignisspur der Vergangenheit.
Steinbockschmuggel – St. Gallen
Als Ostschweizer Kind steht man irgendwann im St.Galler Tierpark «Peter und Paul». Sieht die künstlichen Felsen mit echten Steinböcken, hört staunend, dass diese Art in der Schweiz hundert Jahre lang ausgerottet war und von hier aus wieder angesiedelt wurde. 1906 hatte man ein paar Jungtiere dem italienischen König gestohlen, der in einem Jagdreservat eine letzte Herde hielt. In die Schweiz geschmuggelt, im «Peter und Paul» akklimatisiert, wurden sie, fast wie heute die Bartgeier, in Kisten auf die Berge getragen und ausgesetzt. Mittlerweile darf Schweizer Steinwild sogar wieder geschossen werden.
Gletscherabbruch – Mattmark VS
Es hat Warnungen gegeben. Hinter den Baracken krachten ab und zu schon Eisstücke vom Allalingletscher herunter. Die Elektrowatt als Bauherrin des Mattmark-Staudammes bei Saas-Almagell ignoriert das. Sie will die Arbeiten bis Jahresende abschliessen, lässt in Schichten arbeiten und gleich bei der Baustelle wohnen. Am 30. August 1965 bricht die Gletscherzunge ab, das Barackendorf wird unter Eis und Schutt begraben. 88 Menschen finden den Tod: 56 Italiener, 24 Schweizer, 3 Spanier, 2 Österreicher, 2 Deutsche und ein Staatenloser. Sieben Jahre später sprechen Walliser Gerichte die Verantwortlichen frei.
In Zusammenarbeit mit dem Historiker Stefan Keller werden die Geschichten zu den Bildern zusammengetragen. Keller verfasst zu jeder Fotografie eine Bildlegende die losgelöst vom Bild gelesen wird. So entsteht eine Dialog zwischen Bild und Wort und der betrachenden Person. Die Werkserie ist eine offene Sammlung.
Die Arbeit orientiert sich an den «Lieux de Mémoire» des französischen Historikers Pierre Nora. Bei ihm beschreibt der Begriff der Erinnerungsorte unter anderem die Idee, dass soziale Gruppen ein kollektives Gedächtnis haben, das mit bestimmten Orten verbunden ist. Nora schreibt:
«[...] Es geht weder um Wiederauferstehung noch um Rekonstruktion, nicht einmal um Darstellung, sondern um Wiedererinnerung, wobei Erinnerung nicht einen einfachen Rückruf der Vergangenheit, sondern deren Einfügung in die Gegenwart meint [...].» aus «Erinnerungsorte Frankreichs», Pierre Nora, 2005
Florian Bachmann selbst beschreibt seine Arbeit wie folgt: «Ich liebe die Spurensuche, mit meiner Kamera und einem Thema im Kopf loszuziehen. Meine Fotografien sind eine Begegnung mit einem Ort im Bewusstsein für dessen Geschichte. Vor Ort suche und komponiere ich meine Bilder. Als Erinnerung an das Geschehen, als (neuer) Ort der Erinnerung und als Fotografie für unsere Gegenwart.» Und stellt mit dieser Arbeit auch die Frage: wessen Vergangenheit erinnert und bewahrt wird – und was droht, vergessen zu gehen.
New Glarus – Mühlebachtal GL
1845 schickt der neu gegründete Glarner Auswanderungsverein zwei Männer in die USA, um Land zu kaufen. Es ist eine Zeit des Elends und Hungers. Die Bevölkerung wächst, die junge Industrie wird von Krisen geschüttelt. Als Mittel der Sozialpolitik erscheint die Auswanderung der Bedürftigen. In Wisconsin werden die Glarner fündig, und kaum haben sie ein Gebiet abgesteckt, auf dem noch Reste indigener Siedlungen zu sehen sind, treffen erste Landsleute ein. Ihre Abschiebung nach Amerika wird unter anderem mit dem Abholzen von Wald finanziert, etwa in Engi oder Linthal in der heutigen Gemeinde Glarus Süd.
Spukhaus – Stans NW
Das Haus, in dem es spukte, stand zuletzt an der Autobahn. 2010 wurde es zerstört. Der Spuk beginnt im August 1862 im Haushalt des abgewählten Nationalrats Melchior Joller. Dieser ist ein humanistischer Radikaler, seine Umgebung katholisch-konservativ, die Grossmutter gar eine reaktionäre Berühmtheit in der Helvetik. Der Spuk zeigt sich als Apfel, der durch das Haus hüpft wie ein Frosch, als Steinregen. Schwarze Armknochen oder weisse Gesichter erscheinen. Natürlich glaubt niemand dem freisinnigen Politiker und seiner Familie. Er flieht nach Zürich, weiter nach Rom, wo er 1865 tief verschuldet stirbt.
Canal d’Entreroches – Orny VD
Von der Idee, die Schweiz mit Kanälen für Warentransporte schiffbar zu machen wie in Frankreich, ist oft geträumt worden: Eine Verbindung zwischen Rhein und Rhone gehörte dazu, und mit dem Bau des Canal d’Entreroches vom Neuenburger- an den Genfersee wurde 1638 begonnen. Bei Cossonay, oberhalb von Lausanne, nahm das Unternehmen ein Ende: Der Abstieg hätte zu viele Schleusen vorausgesetzt, die niemand finanzieren wollte. Der Kanalstummel wurde einige Zeit lokal genützt, aber der Schiffsweg von der Nordsee zum Mittelmeer ist nicht in der Schweiz, sondern ebenfalls in Frankreich verwirklicht worden.
Bundeshaus – Aarau AG
Wie alle grossen Revolutionen verhält sich auch die Helvetische Revolution von 1798 recht unstet. Zum Beispiel wechselt sie dreimal die Hauptstadt. Aber vielleicht will sie damit einfach das Prinzip der Alten Eidgenossen weiterführen, die sich meist an wechselnden Tagsatzungsorten trafen. Erster Regierungssitz der ersten schweizerischen Republik, die sich auf Freiheit, Gleichheit, auf die Menschenrechte beruft, erstes Bundeshaus ist jedenfalls die spätere Villa «Zum Schlossgarten» im überaus revolutionären Aarau von Mai bis August 1798. Ab dann ist Luzern und erst später Bern die neue Hauptstadt.
Geheimarmee – Gstaad BE
In der Regel kennen die Mitglieder einander nicht. Über ihre Tätigkeit verlieren sie im Zivilleben nie ein Wort. Der geheime Bunker bei Gstaad, in dem sie in Einzelzellen geprüft und ausgebildet werden, trägt den Tarnnamen «Schweizerhof»: Sie lernen, wie man nach einer Invasion konspirativ überlebt, tote Briefkästen anlegt, Waffen versteckt. Funken, Propaganda, Kurierdienst, Sabotage. Der Bunker liegt hinter dem Hotel Palace. 1990 fliegt die Geheimarmee P-26 auf. Eine Parlamentarische Untersuchungskommission wird eingesetzt. Erst 2009 hebt der Bundesrat die Schweigepflicht der rund 400 Eingeweihten auf.
© Bildlegenden: Stefan Keller, Historiker, Zürich
Projektdokumentation
Anzahl Bilder der Werkserie (Stand September 2026):
63 Schwarweiss Fotografien
Ausstellungen:
– Max-Frisch-Bad, Zürich: 25.2 – 31.3.2024
– Museum Thalwil: 4.7 – 19.10.2024
– BelleVue – Ort für Fotografie, Basel: 7.9 – 29.9.2024
– Museum Grubenmann, Zeughaus Teufen: 1.11.2025 – 31.3.2026
Publikationen:
– «A Future for Whose Past», ETH Zürich 2025
– «wobei»-Magazin, WOZ Die Wochenzeitung 2023
Förderung:
– Werkbeitrag «Geschichte und Gedächtnis», Kulturförderung Kanton St. Gallen 2018
Ankäufe:
– Kult Max Frisch Bad
– diverse Privatpersonen
Pressespiegel:
– «Geklaute Steinböcke und ein Hitler-Attentäter», St. Galler Tagblatt 28.2.2024
– «Vom eigenen zum kollektiven Gedächtnis», Saiten 12/2025
– «In der Landschaft des Vergessens», WOZ – Die Wochenzeitung «wobei» 5/2023